Mittwoch, 7. Oktober 2009

Fragebogen für Männer


1. Die erste Auslese


  • Findest du kochen/ stricken/ backen Frauensache? (Dann werden wir in Fetzen und unter Magenkrämpfen sterben müssen.)
  • Findest du Bücher lesen anstrengend und guckst dir lieber die Verfilmungen an? Oder lieber noch Filme, bei denen es nicht mal Bücher ZUM Film gibt? (Rambo vielleicht oder Transporter 3? Entschuldige, ich muss kurz meinen Kopf gegen die Wand schlagen)
  • Kannst du es nicht ertragen, wenn frau deinen Musikgeschmack scheiße findet? ("Wenn dir das nicht gefällt, bist du wohl nicht besonders musikalisch und beherrschst sicher auch kein Instrument?")
  • Bist du Sportmissionar? (Ich fange nicht damit an, ehe die Cellulite mit mir angefangen hat!)
  • Bist du ein Freund der knappen Sätze, die du gern mit leeren Zeilen streckst?
  • Bekommst du bei intellektuell angehauchten Diskussionen explosive Durchfälle?

2. Der geistige Gesundheitszustand

  • Kannst du dich an deine Kindheit erinnern? (Alter und Gedächtnisleistung einschätzen; massive Traumata ausschließen)
  • Wenn ja: Hast du ein oder mehrere Tiere (Insekten und Spinnen ausgenommen) bewusst getötet? Und dabei ein Lustgefühl verspürt? (Anders formuliert: Taugst du als Axtmörder?)
  • Hast du deine Mutter dazu überreden wollen, mit dir Zungenküsse zu üben? (Hashtag Ödipus)
  • Hast du das Geschlechtsteil deines Vaters immer mit einem gewissen Missmut betrachtet? (Hashtag Ödipus, Teil II)
  • Ist das Einzige, was dich zum Weinen bringt, ein gutes Chili?

3. Resthürdenaufbau

  • Bist du ein Naturfanatiker? ("Alles, was draußen wächst, ist ursprünglichste Medizin! Auch die giftigen Sachen!")
  • Lehnst du Autos der Umwelt zuliebe grundsätzlich ab? (Ich habe eine Phobie vorm Zug fahren, die mir wichtiger ist als deine Ökoader. Die ich grundsätzlich aber gern voraussetze, mit freundlichen Grüßen: Ambivalenzen und Partner.)
  • Findest du, dass jeder ein Revoluzzer ist, der Strom aus dem städtischen Netz befreit?
  • Saugst du Vertraulichkeiten aus anderen Leuten, ohne welche zurück geben zu wollen?
  • Musst du ständig über Politik diskutieren? ("Europa kann nur da sein, wo es auch Diätmarzipan gibt!")
  • Findest du mich toll, so, wie ich bin, oder wärst wenigstens bereit und solvent genug, die SchönheitsOP zu finanzieren?


Über den Autor

Ich bin ein Büchernazi. Ich kann mit Normalität nicht gut umgehen. Ich informiere meine Mitmenschen gern über das Schlechte in der Welt, obwohl sie sich doch auch selbst mal informieren könnten. Ich bin immer müde. Ich teile aus, ohne einstecken zu wollen. Ich bin eigentlich ziemlich langweilig, wenn ich nicht gerade anstrengend bin. Mit mir kommen nicht viele Leute zurecht, ich selbst wohl am wenigsten. Ich bin melancholisch (ach, das ahntest du schon?). Ich will einen Prinz mit Schusswunde auf der Stirn. (Und jedem Anfang wohnt ein Zaudern inne.)





Dienstag, 18. August 2009

WG-Suche oder Wie man sein misanthropisches Potential zur vollen Blüte bringt.

Das ist doch spannend, so eine WG-Besichtigung, hatte ich noch vor Sylvia getönt, spannend, was man da alles für unterschiedliche Leute kennen lernen kann! Spannend, hmm? brummt es höhnisch in meinem schmerzenden Kopf, nachdem mir Sina, eine platinblonde Proletenbarbie, gefühlte zwei Stunden lang ein acht Quadratmeter "großes" Zimmer präsentiert hat; in der Anzeige war von 18 qm die Rede gewesen, "hach, da muss ich mich wohl vertippt haben", gluckst sie, "manchmal bin ich ein bisschen fahrig!" Ich würde gern mit einem Hammer in der Hand auch ein bisschen fahrig werden, allerdings ist statt einer Werkzeugkiste nur Barbies Schlägerfreund zugegen, der in der winzigen Küche mit wütendem Gesichtsausdruck Putenstücke klein hackt, "für die Gemüsepfanne", strahlt Barbie, "das mit der Tapete (die sich genervt von der Wand schält) hab ich einfach noch nicht richten können", klar, genau so wenig wie die Kotz- oder Blutflecken auf dem aasgrauen Teppich, das nicht schließende Fenster und die sich abspaltenden Kacheln im Bad. "Über den Gestank im Hausflur musst du dich nicht wundern", erklärt sie eifrig, "das liegt nur an Frau Schulze!" Das muss dann wohl die Seniorin sein, die mit einem grünen Papagei im Arm vor der Haustür gesessen hatte und mir, in unregelmäßigen Abständen Flüche ausstoßend, bis ins zweite Geschoss gefolgt war. "Die ist ein bisschen komisch", fährt Barbie fort. "Wär mir gar nicht aufgefallen", sage ich.
"Komm, ich zeig dir noch unseren Keller! Da steht nämlich unsere Waschmaschine, das heißt, meine Waschmaschine, die gehört nämlich mir, weißt du?" - "Also, eigentlich muss ich nicht unbedingt..." - Kens zorniger Blick trifft meine Magengrube - "okay, prima!"
"Was studierst'n du noch mal?" fragt Barbie, während sie in ihren Fick-Mich-Stiefeln die Treppe herunter stolpert. "Kreatives Schreiben", murmle ich. "Ach! Das hat mich ja auch immer schon interessiert!" - "Hmmm." Wahrscheinlich schreibt sie Tagebuch, wenn Ken ihr mal wieder eins aufs Maul gegeben hat.
Nachdem ich die Waschmaschine begutachtet habe, taucht wie aus dem Nichts Frau Schulze auf und setzt zu einer neuen Salve von Flüchen an. Ich nutze den günstigen Moment, erkläre mein Nichtinteresse und wünsche viel Glück bei der weiteren Nachmietersuche. "Keine Sorge", pampt Barbie gekränkt, "ich hab mehr als genug Interessenten!" In jedem Fall hat Ken jemanden, der seinen Sabber schlürft, in weißen Stiefeln und hoch gekrempelter Jogginghose.
Alles Gute dann, das Grauen schnell abschütteln und weiter zu WG 2, wo ich vor der Flut handschriftlicher Namensschilder strande - der gesuchte ist nicht darunter. Als ich schon verwirrt kehrt machen will, öffnet sich über mir ein Fenster. Eine rot gelockte Wuchtbrumme lehnt sich hinaus, "Ey, wolltest du dir die WG angucken?" Ich nicke vorsichtig. "Jo, ich mach dir auf!" Jo, super. In der Wohnung eine Fülle von Blumen, an die Wände gemalt, gepappt, gepresst, flankiert von einem verschwitzt grinsenden Buddha und Partyfotos, Lloret de Mar 2000 - 2009. Aus der Küche tönt lauthals Peter Fox. Meine Stadt hat Fieber, schreit er, und ich glaube, ich krieg auch bald welches. "Es ist jetzt nicht so mega leise hier im Haus", verkündet Linda, während sie ihren Hüftspeck sanft im Rhythmus der Musik kreisen lässt, "vor Allem, weil das Zimmer zur Straße liegt" - auch wieder eine Kleinigkeit, die unerwähnt blieb in der Anzeige - "aber wenn du schreiben willst, kannst du ja auch in den Wald gehen!" Klingt einladend, vor Allem zum Winter hin. Also schnell mit dem roten Käppchen grüßen und adieu.
WG 3: Fünfter Stock, Dachgeschoss, das Treppenhaus bestehend aus alten Holzstufen, marodem Geländer und bunt gefleckten Wänden. Auf dem Weg nach oben lerne ich bereits eine Auswahl der Lieblingsschimpfwörter der Nachbarn kennen, die in ihrem Beziehungsleben ihre Gefühle (sehr gesund!) auszuagieren scheinen. Die potentielle Mitbewohnerin ist nicht zuhause oder öffnet schlichtweg nicht die Tür; nach fünf Höflichkeitswartesekunden mache ich kehrt und trabe die Stufen wieder hinunter, einem heldenbäuchigen Zwanziger begegnend, der mir mit der armdicken Salami in der Hand zuwinkt, "Na, Süße, neu hier? Willste nich kurz auf nen Kaffee 'rein kommen?"Zu verlockend, gerade für mich als Vegetarierin, doch leider drängt die Zeit, ich muss nämlich dringend einen Ort suchen, wo ich in Ruhe meinen Kopf gegen die Wand schlagen kann.

Samstag, 8. August 2009

Hesse lesen ist unnötig.

Sylvia sagt, ich sei ein Büchernazi. So ein Quatsch. Gut, sobald jemand Namen wie Saint-Exupéry oder Hesse in den Raum wirft, tanzt vor meinem inneren Auge augenblicklich eine Horde blonder Skandinavistinnen vorbei, die gern leicht verdauliche Gutmenschenkost konsumieren und ja auch finden, dass sich alle lieb haben sollten, aber nicht weiter nachdenken möchten, weil das zwischen den Ohren so weh tut und stattdessen lieber Müslikekse für die nächste Interrailtour backen, im Gepäck die träumerische Natur und das eine Buch, das sie pro Jahr lesen.
Eine Stufe tiefer sind jene anzusiedeln, die für Dan Brown und Frank Schätzing schwärmen- Pseudowissenschaft und Verschwörungstheorien ohne belastenden Anspruch, über die man in der Pause zwischen zwei Schlagern beim Schützenfest herrlich diskutieren kann, dicht gefolgt von den Fans jener auf cool gespülten pop-literarischen Romane, auf die sie all ihre Fantasien projizieren können vom Dasein als heiß begehrte Großstadttigerin, die jedes Wochenende fünf BWLer mit markanten Gesichtszügen abschleppt und in ihrer Freizeit ihren vielen Mädchenfreundinnen die Gummibärchen aus den Zehenzwischenräumen saugt, während im bitteren real life der Fußpilz einfach nicht weggehen will, genau wie die blöden fünf bis fünfzig Kilo zu viel, und der angepeilte Ryan-Philippe-Verschnitt lieber die Perlen-Paula aus der Jura-Fakultät erjagt, obwohl man sich doch schon selbst gefesselt hat und dekorativ vor ihm in die Lehmgrube fällt.
Die Ehrenurkunde der Verachtungswürdigkeit geht allerdings an die Horrorliebhaber, die Stephen-King-Käufer, die ganz stolz auf sich sind, weil sie mitbekommen haben, dass der Typ auch unter Pseudonym veröffentlicht und deswegen ja total anspruchsvoll und tiefgründig sein muss. Solche Kandidaten melden sich etwa jede Stunde auf einem neuen Single-Portal an, wo ihnen keine Selbstbeschreibung einfällt außer "Ich glühe härter, vor als du säufst, weil ich bei Penislänge, IQ und Tischmanieren sowieso mit niemandem mithalten kann", bevor sie sich Karten für Mario Barths nächsten Bühnenauftritt besorgen, weil sie den so wahnsinnig witzig finden, statt das dringende Bedürfnis zu verspüren, dem Typen einen Kampferpel auf den hysterisch geschwollenen Hals zu hetzen.
So weit, so elitär.
Was liest du denn dann, bitteschön? fragt Lutz entnervt, nachdem ich beim Anblick seiner heiß geliebten Star-Wars-Reihe in einen empörten Monolog verfallen bin. Ja, was lese ich eigentlich? Ein paar Klassiker, schwer anfechtbar, Beckett, Camus, Dostojewski, Nietzsche, Sartre, einige verschämte Exemplare Kant und Foucault. Aber ansonsten? Tummeln sich Verlierer in meinen Regalen, Underdogs, Schicksalsgebeutelte, die am Ende das Scheitern doch nicht durchziehen, sondern sich aus der Scheiße heraus arbeiten, gern auch unter Zuhilfenahme einer kleinen, niedlichen Romanze.
Janet Fitch, Weißer Oleander - eine Frau, die kurz in jedes Klischee von Kinderheimen, Gewalt und Lolitadasein hinein schnuppert, alles vorm bunt bemalten Hintergrund des Abnabelungsdramas natürlich, und schließlich als Künstlerin mit tiefgründigem boyfriend an der Seite endet.
Elizabeth Rosner, Die Geschwindigkeit des Lichts - zwei Menschen, die sich im Schmerz vergraben haben und sich dann gegenseitig den rettenden Strohhalm machen.
Karen Duve, Dies ist kein Liebeslied - verpasste Chancen, gescheiterte Existenz, und doch ein Hoffnungsschimmer am verpesteten Horizont.
Connie Palmen, I.M. - eine Beziehung, die fast genau so viel zerstört wie der plötzliche Tod des Mannes, und doch genug Kraft zum Weiterleben lässt.
Alona Kimhi, Die weinende Susannah - das Leben eine Kloake, die letztlich unentrinnbar ist, die einem letztlich doch Freude in die Augäpfel presst.
John Steinbeck, Jenseits von Eden - der ungeliebte, verlorene Sohn, der kurz vor Schluss noch Traumfrau und gefälligen Blick des Vaters abstaubt.
Kaum ein Buch, in dem der Verlierer Verlierer bleibt.Vielleicht ist Scheitern die letzte Bastion des Anstößigen - Scheitern, konsequentes Scheitern will niemand sehen, auch ich nicht.

Sonntag, 17. Mai 2009

Shit and the city

Ich bin nicht so gut bei Männern. Also, um der Präzision und des Wahrheitsgehaltes willen: Ich bin nicht so gut bei Menschen, inklusive Männern. Aber lass es uns langsam angehen – nicht, dass du gleich zu Beginn verschreckt bist und dir eine gar grausame misanthropische Fratze visualisierst.

Man ist ja schließlich Teil der Welt, nicht wahr, mehr oder minder freiwillig, mehr oder minder gerne, und somit dreht sich doch letztlich alles um die Menschen, da kann sich keiner von frei machen. Und ganz gleich, wie sehr der Verstand aufstöhnt: irgendwann endet man bei der heimlichen Lektüre von Artikeln germanophiler Schundblätter, von Ratgebern, voller Hoffnung, endlich zu verstehen, was die anderen immer falsch machen bei einem. Und wie man endlich denjenigen findet, der alles richtig macht, der die eigenen Spleens akzeptiert, respektiert, am besten noch heiß und innig liebt: Natürlich mag ich es, wie du dir mit dem linken großen Zeh die Zahnzwischenräume säuberst, Schatz. Natürlich mag ich dein schallendes Gelächter im Kino, an den traurigen Stellen im Film, weil du ein Statement abgeben willst, ein Statement, das dir mittlerweile so ins Blut übergegangen ist, dass du dich bei Tagesschau und Todesanzeigen gar nicht mehr einkriegst. Natürlich mag ich deine notorischen Blähungen, ich freue mich allabendlich auf den Moment, an dem dein Hintern und die Bettdecke sich das erste Mal lüpfen und der intensiv duftende Furz für heimelige Nestwärme sorgt.
Ja, so jemanden wünscht man sich, und er scheint einen aus all den Ratgebern geradezu anzugrinsen. Es wird alles, es kann doch alles so einfach sein! Man selbst hat keine Schuld, nie gehabt, es war der schiefe Eckzahn der Mutter, und das Zuviel oder Zuwenig oder Genaurichtig an Liebe und Aufmerksamkeit. Sicher gibt es auch in Ratgebern Passagen, Kapitel gar, in dem eine Veränderung der eigenen Person vorgestellt, angedacht, angewärmt wird, aber dafür reicht die Zeit gerade nicht, schade, vielleicht ein andermal.

Wie gesagt, bei den Männern. Ich habe mit zwölf Jahren eine Liste ausgearbeitet, mit konkreten Eigenschaften, die der Traumprinz aufweisen muss. Humorvoll, liebevoll, rücksichtsvoll, charme- und schönheitsvoll, bis zum Gehtnichtmehr. Verliebt habe ich mich dann in räudige Arschlöcher, Musiker- oder Literaturtypen, die vergeben oder schwul und in jedem Fall vergebens waren; die nicht schwulen haben nicht selten geruht, mit mir zu schlafen, um im Nachhinein zu betonen, dass ich jetzt hoffentlich nicht glaube, es habe irgendetwas bedeutet oder verändert oder existiert. Die mich darauf hingewiesen haben, dass ich zu kompliziert oder zu anspruchslos sei, mein Intellekt zu ausgeprägt oder zu versteckt. Bisher habe ich meinem aufbegehrenden Selbstwertgefühl stets beteuert, dass das am Karma liegen müsse – es liegt ja heute alles am Karma, jeder Buddhist würde sich scheckig lachen über die Westler, die mit Räucherkerzen und bemühtem Schneidersitz von Reinkarnation faseln, bevor es zum Weihnachtsgeschenke kaufen geht, aber was soll’s! Kann doch sein, dass ich zu jedem dieser Arschlöcher eine intensive karmische Verbindung hatte? Kann ich etwas dafür, dass die das nicht bemerkt haben? Ich wusste genau: In einem früheren Leben waren wir König und Königin gewesen, Model und Modelin, Arsch und Eimer, Pisse und Scheiße. In diesem Leben ist halt nur noch die Scheiße übrig geblieben, und sehen und fressen muss sie auch nur noch einer, nämlich ich.

Genug mit der Scheiße, hab ich mir heute gesagt, wenn alle Menschen angeblich glücklich werden wollen, muss das auch für dich gelten, also, reiß dich zusammen, such dir was Nettes. Lächle Augen an hinter dicken Brillengläsern, Brustwarzen hinter ausgeleierten Sweatshirts mit Tourdaten schlechter Bands, fußpilzgeplagte Socken unter schwarzgrauen Hochwasserjeans. Such dir was Solides. Halt dich in Schachclubs auf, bei Briefmarken- und Jagdmessen, in Sparkassen, lächle, liebäugle, säusle, halt den Brechreiz zurück – alles wird gut, du musst es nur wollen, sagt dir der Ratgeber, bevor er dir ins Gesicht lacht, angesichts deiner haarsträubenden Dämlichkeit.

Good morning, miss therapist

Nachdem ich eine Viertelstunde orientierungslos durch den viel zu noblen Vorort geirrt bin, raffe ich mich auf und rufe an. “Mandelbaum hier, ich habe um zehn Uhr einen Termin bei Ih…” “Korrekt, um zehn Uhr!” pampt es zurück, “Es sind jetzt genau zehn Uhr, ich für meinen Teil bin da, wie sieht es denn bei Ihnen aus? Zu einem professionellen therapeutischen Bündnis gehört Verlässlichkei…” (Masche Eins: Die Kleinmädchentour.) “Aber ich habe mich verlaufen!” Schnief schnief. Wie geplant wird ihre Stimme um mindestens eine Granitebene weicher. Sie kündigt sogar an, mich abzuholen, nachdem sie meinen Standpunkt so einigermaßen eruiert hat.

Als mir eine geliftete Lifestyletussi im kackbraunen Businesskostümchen mit passenden Pumps entgegen stolziert, die rechte ledergebräunte Hand eine Leine umklammernd, an der eine geifernde Dogge zerrt (“Aufgrund der erheblichen Körperkraft einer Dogge ist eine gute Erziehung sehr wichtig. Vor allem muss sie früh lernen, nicht kräftig an der Leine zu zerren.”), sende ich ein Stoßgebet los, aber da oben ist wohl schon Feierabend, und so säuselt es aus aufgespritzten Lippen: “Frau Mandelbaum, nicht wahr?” und ich grinse hilflos. “Wie schön! Dann kommen Sie mal mit.” (Die Geister, die ich rief…) Also stolpere ich wie ein hypnotisiertes Kaninchen der platinblonden Föhnfrisur hinterher, immer auf Abstand von der nunmehr hysterisch knurrenden Töle bedacht (“Schlecht erzogene oder behandelte aggressive Doggen können sehr gefährlich sein.”). Letztere wird mit ins Haus und quer durchs Wohnzimmer, pardon, das Behandlungszimmer geschleppt, welches einen Zugang zu einem kleinen Garten bietet. Frau A. befestigt das Tier an einer langen Kette, die es ihm immerhin ermöglicht, sich im Wechsel gegen die Terrassentür und das bodenlange Fenster zu werfen, vor dem sich Frau A. platziert hat. Als ich dezent darauf hinweise, dass dem Hund eventuell etwas fehlen könnte, blitzt es in ihren Augen:”Der kommt nur rein, wenn er lieb ist!” Nachdem eine kuschelige, vertrauensvolle Stimmung nunmehr hergestellt ist, kann Frau A. in medias res gehen.

“Wie sieht es denn mit Ihrem ethnischen Hintergrund aus?” What the…? Ach so, meine dunklen Haare. Klar, da muss erstmal festgestellt werden, ob ich überhaupt Deutsche bin. Ich widerstehe der Versuchung, mich als illegale Einwanderin auszugeben (“Sie verraten mich doch nicht, oder?”) und antworte wahrheitsgemäß, was ein strahlendes Lächeln und die gnädige Frage nach meinem psychischen Status Quo zur Folge hat. Ich antworte eher kurz angebunden, was ihre Schnellschussdiagnostik keinesfalls aufhält (”Wie, Sie haben vor Jahren schon mal eine ambulante Therapie gemacht? Dann hat die ja wohl keinerlei Erfolge gezeitigt…vielleicht haben Sie damals das therapeutische Konzept einfach nicht verstanden?”) und mich so langsam wirklich sauer macht. Empathisch, wie sie ist, registriert sie schließlich meine zornrote Birne und bemerkt, dass da jetzt sicherlich viel Wut über den inkompetenten früheren Therapeuten hoch käme (”Das hat mit mir nichts zu tun. Gar nichts. Ich bin nämlich sehr professionell, müssen Sie wissen.”)

"Was macht das jetzt mit Ihnen, wenn ich das sage?” Während ich noch mit mir ringe, ob ich schweigen oder ausfallend werden soll, wird ihr Lächeln noch breiter; sie beugt sich vor, legt ihre Lederhand auf die Lehne meines Sessels und sagt:”Sie haben ein großes Problem damit, ihre Gefühle zuzulassen, nicht wahr?” Jetzt reicht’s. Ich schütte ihr nicht meinen Kaffee ins Gesicht, aber ich mache ihr dank jahrelanger Erfahrung in Psychojargon und Arschlochdasein auch verbal hinreichend klar, was ich von ihr und ihrer armseligen Tour halte. Sie schießt aus ihrem Sessel empor. “Mit dieser Meinung gehe ich nicht konform… (surprise, surprise!) ich denke, dieses Gespräch ist beendet.” Ich brauche ein bisschen länger zum Aufstehen (Psychotrick der alten Schule: Lass den Klienten im Sitzmöbel versinken, dann aktiviert sich die devote Ader schneller), beglückwünsche sie dennoch herzlich zu ihrer raschen Auffassungsgabe, bevor ich die Tür laut und vernehmlich hinter mir schließe. Und nein, der heldenhafte Abgang wird keinesfalls dadurch geschmälert, dass ich mich alle paar Meter umdrehe, um zu überprüfen, dass sie nicht den Hund auf mich los lässt.