Ich bin nicht so gut bei Männern. Also, um der Präzision und des Wahrheitsgehaltes willen: Ich bin nicht so gut bei Menschen, inklusive Männern. Aber lass es uns langsam angehen – nicht, dass du gleich zu Beginn verschreckt bist und dir eine gar grausame misanthropische Fratze visualisierst.
Man ist ja schließlich Teil der Welt, nicht wahr, mehr oder minder freiwillig, mehr oder minder gerne, und somit dreht sich doch letztlich alles um die Menschen, da kann sich keiner von frei machen. Und ganz gleich, wie sehr der Verstand aufstöhnt: irgendwann endet man bei der heimlichen Lektüre von Artikeln germanophiler Schundblätter, von Ratgebern, voller Hoffnung, endlich zu verstehen, was die anderen immer falsch machen bei einem. Und wie man endlich denjenigen findet, der alles richtig macht, der die eigenen Spleens akzeptiert, respektiert, am besten noch heiß und innig liebt: Natürlich mag ich es, wie du dir mit dem linken großen Zeh die Zahnzwischenräume säuberst, Schatz. Natürlich mag ich dein schallendes Gelächter im Kino, an den traurigen Stellen im Film, weil du ein Statement abgeben willst, ein Statement, das dir mittlerweile so ins Blut übergegangen ist, dass du dich bei Tagesschau und Todesanzeigen gar nicht mehr einkriegst. Natürlich mag ich deine notorischen Blähungen, ich freue mich allabendlich auf den Moment, an dem dein Hintern und die Bettdecke sich das erste Mal lüpfen und der intensiv duftende Furz für heimelige Nestwärme sorgt.
Ja, so jemanden wünscht man sich, und er scheint einen aus all den Ratgebern geradezu anzugrinsen. Es wird alles, es kann doch alles so einfach sein! Man selbst hat keine Schuld, nie gehabt, es war der schiefe Eckzahn der Mutter, und das Zuviel oder Zuwenig oder Genaurichtig an Liebe und Aufmerksamkeit. Sicher gibt es auch in Ratgebern Passagen, Kapitel gar, in dem eine Veränderung der eigenen Person vorgestellt, angedacht, angewärmt wird, aber dafür reicht die Zeit gerade nicht, schade, vielleicht ein andermal.
Wie gesagt, bei den Männern. Ich habe mit zwölf Jahren eine Liste ausgearbeitet, mit konkreten Eigenschaften, die der Traumprinz aufweisen muss. Humorvoll, liebevoll, rücksichtsvoll, charme- und schönheitsvoll, bis zum Gehtnichtmehr. Verliebt habe ich mich dann in räudige Arschlöcher, Musiker- oder Literaturtypen, die vergeben oder schwul und in jedem Fall vergebens waren; die nicht schwulen haben nicht selten geruht, mit mir zu schlafen, um im Nachhinein zu betonen, dass ich jetzt hoffentlich nicht glaube, es habe irgendetwas bedeutet oder verändert oder existiert. Die mich darauf hingewiesen haben, dass ich zu kompliziert oder zu anspruchslos sei, mein Intellekt zu ausgeprägt oder zu versteckt. Bisher habe ich meinem aufbegehrenden Selbstwertgefühl stets beteuert, dass das am Karma liegen müsse – es liegt ja heute alles am Karma, jeder Buddhist würde sich scheckig lachen über die Westler, die mit Räucherkerzen und bemühtem Schneidersitz von Reinkarnation faseln, bevor es zum Weihnachtsgeschenke kaufen geht, aber was soll’s! Kann doch sein, dass ich zu jedem dieser Arschlöcher eine intensive karmische Verbindung hatte? Kann ich etwas dafür, dass die das nicht bemerkt haben? Ich wusste genau: In einem früheren Leben waren wir König und Königin gewesen, Model und Modelin, Arsch und Eimer, Pisse und Scheiße. In diesem Leben ist halt nur noch die Scheiße übrig geblieben, und sehen und fressen muss sie auch nur noch einer, nämlich ich.
Genug mit der Scheiße, hab ich mir heute gesagt, wenn alle Menschen angeblich glücklich werden wollen, muss das auch für dich gelten, also, reiß dich zusammen, such dir was Nettes. Lächle Augen an hinter dicken Brillengläsern, Brustwarzen hinter ausgeleierten Sweatshirts mit Tourdaten schlechter Bands, fußpilzgeplagte Socken unter schwarzgrauen Hochwasserjeans. Such dir was Solides. Halt dich in Schachclubs auf, bei Briefmarken- und Jagdmessen, in Sparkassen, lächle, liebäugle, säusle, halt den Brechreiz zurück – alles wird gut, du musst es nur wollen, sagt dir der Ratgeber, bevor er dir ins Gesicht lacht, angesichts deiner haarsträubenden Dämlichkeit.